Teaser zum Kongress „Lernen am Limit. Bildung, Arbeit und Leben im Kapitalismus“

24. September 2018|Material|

Ökonomisierung
Bildung hat in der bürgerlichen* Gesellschaft von jeher die Funktion, Menschen u.a. zu leistungsfähigen Arbeitskräften und treuen Staatsbürger*innen zu machen. Außerdem sortiert das Bildungssystem Menschen so ein, dass es manche gibt, die viele Ressourcen und Zugänge auch zu ökonomischem Kapital haben, und andere davon ausgeschlossen werden. Auch Wissenschaft soll ökonomisch verwertbar sein und muss deshalb eine Grundlage für wirtschaftliche Produktion bieten können, um relevant zu erscheinen. Dennoch enthalten beide Begriffe einen unhintergehbaren, emanzipatorischen Gehalt. Wissenschaft und Bildung haben selbst in unserer Alltagsvorstellung den Zweck, unsere Handlungs- und Kooperationsfähigkeit zu erweitern sowie unsere Selbstbestimmung zu erhöhen. Die konkreten Ausgestaltungen von Uni, Schule und Ausbildung bleiben daher umkämpft. Wer die Geschichte dieser Institutionen verfolgt, wird erkennen, dass sie starken Wandlungen unterzogen wurden. 
Um selber politisch eingreifen zu können, wollen wir den Zusammenhang zwischen Herrschaft, Bildung und Wissenschaft genauer analysieren. Wie sorgen die konkreten Institutionen dafür, dass Herrschaft verfestigt und verstetigt wird? Inwiefern folgen sie den Anforderungen der modernen Gesellschaftsordnung? Und inwiefern bleibt der Erkenntnisprozess widerständig? Was gibt es für Handlungsspielräume im und Alternativen zum Bestehenden? Wie könnte Bildung in einer herrschaftsfreien Gesellschaft aussehen? Und wie kommen wir dahin? Wie kann unsere Bildungspolitik zu einer gesellschaftlichen Befreiung beitragen? 
Sorgearbeit
Bürgerliche Gesellschaften sind patriarchal organisiert, werden also durch ein System strukturiert, in dem Machtpositionen mehrheitlich von Männern besetzt sind und somit von diesen beherrscht. Männer haben leichter Zugang zu gut bezahlten und prestigeträchtigen Berufen, erhalten für die gleiche Arbeit mehr Lohn und haben darum häufig die ökonomische Verantwortung und Kontrolle über ihre Familien. Mit gesellschaftlich abgewerteten Arbeiten wie Kindererziehung, den Haushalt erledigen, Essen machen und alldenjenigen Tätigkeiten, die die Grundlagen unseres täglichen Lebens bilden, müssen sich Männer in der Regel nicht befassen. Die Sorge um Andere ist soweit abgewertet, dass sie gar nicht als ‚Arbeit‘ im engeren Sinne gefasst wird, erhält doch niemand einen ‚Lohn‘ für diese ‚privat‘ organsierten Sorge- oder Reproduktionsarbeiten. Dabei sind Sorgeaufgaben wie Erziehung, unsichtbare Unterstützungsarbeiten und Pflege für den Bildungsweg sowie die Bildungsinstitutionen essentiell. Weiterhin werden in genau diesen Institutionen wie Schulen und Universitäten, die nicht ohne ein hierarchisch organisiertes Verwaltungssystem und eine interne Kommunikationsstruktur auskommen, die ökonomisch abgewerteten Aufgaben in diesen Bereichen größtenteils von Frauen übernommen. 
Das ist kein Zufall, da Berufe wie ‚Sekretär*in‘ die gleiche Abwertung erfahren, wie z.B. ‚Erzieher*innen‘ – sie werden als ‚weibliche‘ Arbeit, als ‚Arbeit für Frauen‘ wahrgenommen wie die meisten Jobs, die zwar undankbar aber dafür auch noch schlecht bezahlt sind.
Wir wollen uns in verschiedenen Workshops und Vorträgen damit auseinandersetzen, warum Sorgearbeit in dieser Gesellschaft derartig abgewertet wird und wie sich das im Bildungswesen ausdrückt. Dazu wollen wir uns zum einen mit den Arbeitsbereichen im Bildungswesen befassen und zum anderen mit der Vorbereitung auf diese, also mit der Ungleichwertigkeit von Ausbildungen. Und am Ende wollen wir gemeinsam mit euch Lösungen erarbeiten, wie sich Re-/Produktionsarbeit neu organisieren lässt.
Antifaschismus
Mit der politischen Durchsetzung eines autoritären Wettbewerbs auf allen gesellschaftlichen Ebenen, verändern sich auch die Menschen. In ‚Schulen, Universitäten und in Ausbildungsverhältnissen wird ein immer größerer Leistungs- und Verwertungsdruck vermittelt. Patriarchale Tugenden wie Härte und Durchsetzungsfähigkeit spielen hier eine tragende Rolle. Heute geschieht dies aber nicht mehr mit einem Rohrstock der Gehorsam einprügelt, heute sollen Schüler*innen und Student*innen* viel eher Leistungen in einem Wettbewerb erfüllen. Das zeigt sich unter anderem in standardisierten Tests, die Vergleichbarkeit herstellen sollen und im Prüfregiem der Bolognareform. Der neue Wettbewerb trainiert nicht zuletzt auch auf den Wettbewerb in der Wissenschaft, die sich über besonders unsichere Beschäftigungsverhältnisse auszeichnet. 
Dieses neue „Bildungsprogramm“ und die neuen „Arbeitsverhältnisse“ haben unseres Erachtens verschiedene Effekte: Selbstoptimierung und damit verbundene Selbstausbeutung wird immer stärker vorausgesetzt. Sorgearbeit und Weiblichkeit werden zunehmend abgewertet. Menschen, die noch an Handlungs- und Denkmustern einer veralteten Version des Kapitalismus hängen (also die jüngsten Updates/Rationalisierungen verpasst haben) kommen mit dieser neuen Welt nicht zu recht. Selbst wenn  sie ökonomisch weiterhin erfolgreich sind, fühlen sie sich auf der Abschussrampe. Nicht wenige dieser Menschen suchen Halt in einer romantisierten Vorstellung von früheren Ordnungen, die nun angeblich durch eine schlechtere ersetzt werden. Die heranwachsenden Arbeitskräfte sind angesichts des steigenden Wettbewerbdrucks anpassungswillig und tendentiell konservativ.
Das sind grob formulierte Hypothesen. Wir wollen vor allem den Fragen nachgehen, 
wie Bildung zu autoritären Einstellungen beiträgt, welche Bildungsprogramme von rechts zu erwarten sind und wie die aktuellen Institutionen für eine antifaschistische Bildung genutzt werden könnten.
* Unter der „bürgerlichen Gesellschaft“ verstehen wir eine Orts- und Zeitgebundene Geseschaftsstruktur, die sich erstmal in der frühen Neuzeit heraugebildet hat. Geschichtlich wird dieses Zeitalter mit der Renaisance, der Aufklärung, der Industrialisierung und den verschiedenen Revolutionen (in England, USA und Frankreich) begründet. Im Rahmen dieser historischer Ereignisse wird dem Kapitalismus der Weg bereitet und eine männerdominierte Gesellschaft schrittweise aufgebaut. Selbstverständlich ist die geschichtliche Entwicklung kein gradliniger Prozess, der sich mit Logik ableiten ließe. Geschichte ist immer umkämpft. Feministische oder antikapitalistische Kämpfe haben die bürgerliche Gesellschaft von jeher begleitet. Wir glauben, dass es in der Aufklärung und den Revolutionen dieser Gesellschaft auch der Keim für eine solidarische Gesellschaft angelegt ist. Diese konnte bislang allerdings noch nicht verwirklicht werden. Die bürgerliche Gesellschaft beherrscht inzwischen den Globus und dehnt sich tendentiell in alle Winkel der Welt aus. Nichts bleibt von der speziellen Organisationsweise dieser Gesellschaft unberührt.
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