Schule bleibt scheiße!

1. April 2015|Aktuelles, Protest, Schule|

Text der Initiative Schule bleibt scheiße! anlässlich der Proteste von Schüler*innen in Niedersachsen wegen des Boykotts von Klassenfahrten durch Lehrer*innen, die Mehrarbeit leisten sollen, aus 2013 [PDF mit Layout].

Wenn heute wieder gegen Mehrarbeit für Lehrer demonstriert wird und tausende Schüler sich politisch engagieren, dann freuen wir uns erst einmal. Wir freuen uns, dass Schüler ihren grauen Trott in die Öffentlichkeit zerren, damit Licht in dessen hässliche, verlebte Fratze scheint.

Es geht um eine Woche Klassenfahrten. Gestrichen. Dafür eine Woche mehr langweiliger, zermürbender Schulalltag. Warum ist dieser eigentlich so widerlich:

Allein der Zwang, sich morgens zu unmenschlichen Zeiten aus dem Bett zu quälen, aufzustehen und sich dann in ein Gebäude zu bewegen, das man am liebsten gar nicht betreten möchte, ist ein Grund, dieses System zu verfluchen. In der Schule geht es dann weiter mit der Angst vor Arbeiten, drohenden schlechten Noten und dem Nicht-Zurechtkommen im Zwangskollektiv der Klasse. Menschen, die zufällig das gleiche Alter und den gleichen Wohnort haben, werden zusammengepfercht und sollen eine „Klassengemeinschaft“ bilden.

Gemein ist ihnen aber nur die Plage „Schule.“ Mehr als Gemein ist aber auch nur zu oft, wie daraus Mobbing und Vereinzelung werden, wie aus Kindern entweder Looser oder Arschlöcher werden. Alle machen irgendwie dabei mit, und das ist so gewollt.

Dazu kommt dann mit dem Lehrer eine Autorität, auf die man nicht nur angewiesen ist, wenn man etwas lernen möchte, sondern die eben auch Strafen ausspricht und vollstreckt, wenn man nicht so lernen kann oder möchte, wie es eingefordert wird – als wäre das tatsächlich persönliches Versagen von Schülern und als hätte jemand, der wirklich etwas besser weiß, solche Brutalität nötig.

Danach geht der Stress dann in den Nachmittag, in die Ferien und damit in die nächste Runde über. Hausaufgaben gemacht, Versetzung bestanden? Ein Ende gibt es darin nicht, nur höher, schneller, weiter, und irgendwann auf der Strecke bleiben. Gerade deswegen kommen einem die Klassenfahrten wie ein Versprechen von Erlösung vor.

Ob wir uns nun in den Rausch der Drogen begeben, um aus der Realität zu fliehen, ob wir vor den Bildschirm flüchten, ob wir prügeln, oder ob wir geprügelt werden, ob wir durchfallen, oder durchfallen lassen, – egal, aber nicht gleich- sind wir alle ein Produkt dieser Verhältnisse, die uns zu dem machen, was wir nicht sein müssten.

Doch wenn man sich fragt, warum man das denn alles durchmachen müsse, warum denn keiner etwas an diesem Blödsinn ändern möchte, wird uns gesagt, wir lernten fürs Leben und müssten uns auf dieses vorbereiten. Irgendwie solle man halt damit klarkommen.

Denn die Schule ist ein notwendiges Instrument, um die bestehenden Verhältnisse bestehen zu lassen. Sie formt die Kinder, die sie durchlaufen, zu funktionierenden Objekten, die arbeiten, konsumieren und für genau diese Verhältnisse einstehen.

Schule hat drei spezielle Funktionen. Sie bildet die Kinder aus und bereitet sie auf den Arbeitsmarkt vor. Sie sollen später genau so arbeiten, wie ihre Eltern und deren Eltern und Marktwirtschaft und die nationale Wirtschaft am Laufen halten. Es ist also keineswegs gewollt, dass wir „fürs Leben lernen“, sondern wir lernen für die folgende Verwertung unserer Arbeitskraft.

Außerdem sortiert uns die Schule. Es ist gewollt, dass nicht alle den gleichen Abschluss erlangen. Es ist gewollt, dass viele durchfallen und keinen privilegierten Platz in dieser Gesellschaft einnehmen. Diese Konkurrenz ist Teil eines Systems, welches nun mal wenige Gewinner und viele Verlierer braucht.

Schließlich erzieht uns die Schule. Sie trägt uns an die Werte und Normen dieser Gesellschaft heran und bläut uns Fleiß, Disziplin, Gehorsam, Konkurrenz und Leistung ein. Das Ziel bleibt dort, dass wir die Autorität von außen in uns aufnehmen und uns nach der Schulzeit selber züchtigen und disziplinieren, und das wir das mit anderen anstellen.

Dass Lehrer sich gegen Mehrarbeit wehren, ist als Arbeitskampf, um an den sozialen Verhältnissen zu rütteln, erst einmal zu begrüßen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass Lehrer nicht unbedingt unsere Freunde sind, auch wenn sie sich das Ganze vielleicht ganz anders vorgestellt haben und nur das Beste wollten. Sie sind immer noch die Autoritäten, die uns formen sollen. Sie sind die, die uns letztendlich zurichten, wenn wir das nicht schon selber untereinander versaut haben.

Wir demonstrieren heute nicht, weil wir unsere Lehrer so gerne haben, sondern weil wir uns nicht mit dem Schulsystem zufrieden geben wollen. Wir wollen nicht länger geformt werden, um zu funktionieren, weil Dinge das einfordern.

Wir fordern ein, dass die Dinge für uns funktionieren, und dass wir NEIN sagen und nicht mehr mitmachen müssen, wenn sie es nicht mehr tun. Wir sind keine Dinge, und wir sind wichtiger als das, was ihr gerne hättet.

Wir wollen keine neue oder bessere Regierung – wir wollen keine Regierung. Wir wollen keine bessere Schule, sondern keine Schule. Wofür wir heute demonstrieren, ist ein Ende der Gewalt von Schulen an Schülern und für persönliche Selbstbestimmung, die dem entgegen steht.

Schule bleibt scheiße!

Gegen Leistungszwang, Konkurrenz, Verwertung
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