Lehrkräftemangel und schlechte Lernbedingungen – Ein Blick auf Deutschlandsschulen

10. September 2018|Aktuelles, Material|

Bis 2025 fehlen 200.000 Lehrer*innen, so schreibt die ZEIT. Doch schon jetzt macht sich der Lehrkräftemangel auf dramatische Weise bemerkbar. Aktuell fehlen je nach Berechnung 10.000 bzw. 40.000 Lehrer*innen. Die Differenz ergibt sich u.a. daraus, dass ein großer Teil der Stellen kurzfristig notdürftig besetzt wurde. Nicht zuletzt mit Menschen, die bislang keine Lehrer*innen waren und auch keine entsprechende Ausbildung vorweisen können. So haben in Berlin, wo der Mangel angeblich behoben wurde, weniger als 40 % der Neueingestellten Lehramt studiert. In Sachsen konnten nicht einmal alle Stellen besetzt werden, obwohl mit Verbeamtung gelockt wurde. Dort versucht man mit Geldprämien Lehrer*innen von den Städten aufs Land zu locken. Besonders eklatant ist der Mangel an Grundschullehrer*innen, weswegen in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen laut darüber nachgedacht wird, das Gehalt von Grundschullehrer*innen anzuheben und sie in der Bezahlung mit Kolleg*innen anderer Schulformen gleichzustellen. Weiterhin wird darüber nachgedacht, Ruheständler*innen zu reaktivieren oder Studierende bereits stärker in die Arbeit zu integrieren.

Die bildungspolitischen Missstände lassen sich also kaum klein reden. Ob es sinnvoll ist nun von einem „Bildungsnotstand“ zu sprechen, sei mal dahingestellt. Auch ist es kaum hilfreich, sich dem bunten Treiben von Parteipolitiker*innen zu widmen, die gerade alle Hände voll damit zu tun haben, sich gegenseitig die Schuld an der Misere zuzuweisen. Tatsächlich wiederholt sich das Problem regelmäßig und es müsste keineswegs derartige Ausmaße annehmen. Die zwei grundlegenden Mängel sind: der Einstellungszyklus von Lehrer*innen und eine unzureichende Ermittlung des Bedarfs.

Der Schweine-Zyklus in der Einstellungspraxis

Nicht erst seit gestern, sondern seit Jahrzehnten, werden Lehrerkräfte nach einem wiederkehrenden Muster eingestellt: Es gibt Phasen, in denen viele, und solche, in denen kaum Lehrer*innen eingestellt werden. Das hängt einerseits mit der demografischen Entwicklung und andererseits mit der Altersstruktur der Lehrer*innenschaft zusammen. In einer Phase gehen Bildungspolitiker*innen davon aus, dass ausreichend Personal da ist. Dann wird kaum jemand eingestellt – egal wie motiviert, wie gut die Kandidat*innen sind (und obwohl man damit Klassengrößen auf ein sinnvolles Maß kürzen könnte). In anderen Perioden, etwa wenn eine Generation Lehrer*innen in den Ruhestand geht oder geburtenstarke Jahrgänge an die Schulen kommen (beides trifft aktuell zu), ist es demgegenüber sehr leicht, Lehrer*in zu werden. Wer bei drei nicht auf den Bäumen ist, bekommt ein Stück Kreide in die Hand gedrückt und soll unterrichten. Selbstverständlich bereitet eine derartige Einstellungspraxis schon die nächsten Phasen vor. Die Zyklen sind im Kollegium sichtbar: So gibt es meist zwei größere Gruppen aus denselben Alterskohorten, während andere Altersklassen nahezu gänzlich fehlen. Ein solcher Rhythmus wäre vermeidbar, wenn kontinuierlich eingestellt würde. Das geschieht allerdings nicht, weil das höhere Kosten verursachen würde. Wer auch zukünftigen Bedarf deckt und nicht bloß akuten, hat zwischenzeitlich eine „zu hohe“ Abdeckung. Ein Graus für die Sparer*innen. Dass die gesellschaftlichen Kosten dieser fehlgeleiteten Einsparungen wesentlich höher sind als die gesparten Gelder, liegt auf der Hand. Zumal sich bezweifeln lässt, dass jemals eine echte Lehrer*innenschwemme existiert habe. Luft nach oben gab es immer, so hätten die Klassen auf eine sinnvolle Größe verkleinert werden können. Der Bildungsforscher Peter Struck betont entsprechend, dass Klassen nicht mehr als 18 Schüler*innen umfassen sollen. Und selbst wenn diese Zahl für ein paar Jahre unterschritten würde, Lehrer*innen, Schüler*innen und Eltern würden sich sicherlich nicht beschweren, wenn die Betreuungsrelation sich sogar noch über dieses Maß verbessern würde. Zumal es aktuell fernab der Realität ist. Selbst in gutsituierten Vierteln in westdeutschen Großstädten, wo es an Lehrer*innen nie mangelt, sind Klassen mit mehr als dreißig Schüler*innen eher die Regel als die Ausnahme. Kein Wunder, dass in Deutschland so viele Schüler*innen zu wenig lernen, sie gehen einfach unter, sie finden in der Masse keine Beachtung, kommen nicht zu Wort.

Den Bedarf erkennen

Ein anderes Problem liegt darin, dass es nur unzureichende statistische Erhebungen über den Bedarf an Lehrkräften gibt. Die meisten Bundesländer erheben den Bedarf allerdings nur im Abstand mehrerer Jahre. So ging NRW über sechs Jahre davon aus, dass es viel zu viele Lehrer*innen gäbe, auch als es an vielen Schulen schon an Personal mangelte. Sicherlich, Migrationsbewegungen zwischen Staaten, Bundesländern oder Städten können damit keineswegs hinreichend schnell erfasst werden. Auch mittels einer jährlichen statistischen Erfassung könnte erst mit einer Verzögerung von drei Jahren auf starke Jahrgänge reagiert werden. Daher müsste auch ein Puffer angelegt werden: Klassen müssten folglich etwas kleiner sein, als die Wissenschaft für guten Unterricht anrät. Doch bisher reagierte die Politik in den meisten Ländern mit einer wesentlich größeren Verzögerung. Sie fängt jetzt an. Wird also in sechs bis sieben Jahren Effekte zeitigen. Für Trends, die seit Anfang des Jahrzehnts absehbar wurden. Das ist zu langsam. Eine jährliche Erhebung würde also nicht alle Probleme lösen, aber eine jährliche Erhebung, wie sie in Bayern vorgenommen wird, führt dazu, dass schneller reagiert werden kann. Insofern ist es eine gute Entwicklung, dass die Kultusministerin in Baden-Württemberg nun alle Unterrichtsausfälle erfassen möchte. (Gleichwohl darf das nicht dazu führen, Druck auf krank gewordene Menschen auszuüben, trotz ihrer Krankheit zur Arbeit zu erscheinen.)

Die Abwertung von Lehrberufen

Die größten Probleme zeigen sich allerdings angesichts der schlechten Arbeitsverhältnisse. Sie machen den Lehrberuf völlig unattraktiv. Und dass es auch um die Arbeits- und Lebenssituation geht, wird daran ersichtlich, dass der Mangel sehr ungleich verteilt ist. Grob kann gesagt werden, dass in Wohlstandsvierteln westdeutscher Großstädte sich die besten Kandidat*innen aussuchen können, während in Förder-, Sonder-, oder Grundschulen, ländliche Regionen, Schulen im Osten und überhaupt Schulen in ärmeren Vierteln (in der Presse oft fälschlicherweise als Brennpunkte bezeichnet) Mangel herrscht. Nebenbei bemerkt, landen genau an den Schulen, wo der pädagogische Bedarf am höchsten wäre, tendenziell Quereinsteiger*innen oder Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung (LovL). Letzteres sind Menschen, die nicht die formalen Kriterien für den Einstieg in den Lehrberuf besitzen – also keine pädagogische Ausbildung genossen haben. Sie werden angeblich nur im absoluten Notfall eingestellt. Also wenn es auch einmal einen unvorhersehbaren Vulkanausbruch gibt und statt Lava Kinder im Schulalter aus der Erde steigen, oder so ähnlich muss man sich das wohl vorstellen. Auf jeden Fall geht die Verwaltung wohl regelmäßig davon aus, dass Kinder mit Ufos diesen Planeten ansteuern und auf einmal in den Schulen sitzen. Niemand weiß, woher die kommen. Daher auch die LovLs. Die Differenz liegt nicht zuletzt daran, dass Lehrer*innen unterschiedlich bezahlt werden. In vielen Bundesländern erhalten Gymnasiallehrer*innen am meisten Geld und müssen dafür auch noch weniger Unterricht geben.

Beamtenstatus

Hinzu kommen viele Abwertungen, die der Berufstand allgemein erlitten hat. Allem voran ist die schwindende Verbeamtung zu nennen. In Bundesländern wie Hamburg, wo noch verbeamtet wird, sind auch die Probleme kleiner. Beamte bekommen mehr Geld, erhalten eine bessere Gesundheitsvorsorge, höhere Pensionen (als die Rente der Angestellten) und haben einen sicheren Arbeitsplatz. Letzteres ist seit der neoliberalen Reformen in den letzten Jahren keine Selbstverständlichkeit mehr. Wo der Beamtenstatus abgeschafft wurde, müssen sich Lehrer*innen oftmals jahrelang mit Kurzzeitverträgen abspeisen lassen. Im schlimmsten Fall werden sie (illegaler Weise) vor den Sommerferien entlassen und nach den Ferien wiedereingestellt. Ohne flächendeckende gewerkschaftliche Organisierung sind die Arbeitnehmer*innen dieser Sparpraxis hilflos ausgeliefert. Dabei muss angemerkt werden, dass die Länder diese Praxis (also regelmäßige Kündigungen vor den Sommerferien) offen ablehnen, die Schulleitungen sich allerdings aufgrund akuten Finanzmangels dazu gezwungen sehen. Die Länder schaffen also Mangelsituationen und rechtliche Bedingungen, unter denen missbräuchliche Arbeitsverhältnisse überhaupt möglich (aber nicht rechtens!) werden, versuchen sich dann allerdings davon zu distanzieren. Eine ähnliche Situation kennen wir von den Hochschulen, wo ein immer größerer Teil des grundständigen Lehrbetriebs von Lehrbeauftragten gestemmt wird. Auch das ist eigentlich nicht rechtens, ist aber unter der Hand gängigen Praxis um den Lehrbetrieb auf einem Mindestmaß zu halten.

Arbeitsbedingungen

Lehrer*innen sind entgegen ihres schlechten Rufes chronisch überlastet. Eine Studie der GEW hat jüngst ergeben, dass Lehrer*innen im Durchschnitt 48,8 Stunden die Woche arbeiten. Viele sogar noch mehr. Gleichzeitig stehen Lehrer*innen unter einem beachtlichen psychosozialen Stress: In völlig überfüllten Klassen müssen sie die Zukunft von jungen Menschen verantworten. Die konstante Lautstärke, die übrigens andernorts als gesundheitsgefährdende Lärmbelästigung definiert würde, ist da wohl das kleinste Problem. Viel größer ist die Verantwortung, einer so großen Gruppe gerecht zu werden, also auf die Bedürfnisse, Interessen und Probleme der Einzelnen adäquat einzugehen. Das ist im Grunde genommen unmöglich. Wer den Beruf wählt, um junge Menschen bestens zu fördern, ist also zum ständigen Scheitern verurteilt. Dass volle Klassen der Grund für (unsichtbare) Mehrarbeit sind, wird schnell klar: Es sind nicht nur mehr Klausuren und Tests, die es zu korrigieren gilt. Es sind auch mehr Schüler*innen und Lehrer*innen, die jenseits des Unterrichts oder offizieller Sprechstunden Redebedarf haben. Aus guten Gründen. Und gute Lehrer*innen wollen dem auch nachkommen. Wen wundert, dass Menschen unter diesen Bedingungen Burn-outs oder Depressionen erleiden. Wahrscheinlich ist es für viele Lehrkräfte unter derartigen Bedingungen sogar gesund, einen gewissen Zynismus, ja eine gewisse Ablehnung gegenüber den Schüler*innen mit an den Arbeitsort zu bringen. So gelingt der Abstand zu den unzähligen Einzelschicksalen leichter. Selbstredend ist das für die Schüler*innen und für die Gesellschaft überhaupt nicht gut. Am Ende des Tages ist es für niemanden eine befriedigende Lösung. Auch diesen Problemen ließe sich nur durch mehr Personal und kleinere Klassen nachkommen.

Finanzierung

Das Bildungswesen ist offensichtlich nicht ausreichend ausgestattet. Nicht nur der benannte Bedarf von 40.000 Lehrer*innen, den der konservative Deutsche Lehrerverband (DL) gerade überall hinausposaunt, müsste gedeckt werden. Es müssten viel mehr Lehrkräfte eingestellt werden, um Klassen auf eine sinnvolle Größe zu bringe und einen Puffer für weiteres Wachstum der Schüler*innenzahlen aufzubauen. Das kostet Geld, das die Länder (angeblich) nicht haben. Diese Behauptung ist auch nicht ganz falsch, da die Länder in ihren Mitteln vom Bund abhängen, der sich allerdings durch das Kooperationsverbot aus der Finanzierung herausgezogen hat. Heute ist es vor allem die CDU, die dieses Verbot noch hochhält. Es müsste als erstes gekippt werden, damit Schulen sinnvoll ausgestattet werden können. Doch auch die Hochschulen brauchen mehr Geld. Wenn Bildungswissenschaftler*innen inzwischen fordern, doppelt so viele Lehramtsstudierende zuzulassen, muss auch Geld in ihre Ausbildung investiert werden. Zudem müssten mehr Sozialpädagog*innen und therapeutisch ausgebildete Kräfte an den Schulen arbeiten, um eine gute Betreuung zu gewährleisten und die Grundlagen für eine fachliche Wissensvermittlung zu schaffen.

Ob dafür nun andere Etats gekürzt werden oder mehr Steuern eingenommen werden sollten, steht auf einem anderen Blatt. (An den Spitzensteuersätzen oder Unternehmenssteuern könnte sicherlich noch einiges verbessert werden. Dann käme auch neues Geld.) Letztlich muss aber weiterhin angemerkt werden, dass Deutschland einen vergleichsweise geringen Betrag gemessen am BIP für Bildung ausgibt. Oder anders ausgedrückt: Das Geld für besser Bildungsbedingungen wäre da.

Die Ausbildung zur Lehrkraft

Es müssen nicht nur mehr Plätze für Lehramtsstudierende bereitgestellt werden, auch das Studium muss attraktiver gestaltet werden. Die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis ist immer noch völlig unzureichend. An vielen Hochschulen wird immer noch davon ausgegangen, dass fachliches Wissen und ein bisschen Lehre in Didaktik und Pädagogik zusammen mit Praktikum und Referendariat schon ausreichen. Es reicht aber nicht, Wissensbrocken hinzuwerfen und Menschen als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen. Zwar ist das bestehende Lehramtsstudium noch wesentlich besser als Vorbereitung für die Hochschullehre. Das ist aber nicht ausreichend. Überhaupt ist es kein Wunder, dass allein im Bachelor ein Drittel der Lehramtsstudierenden das Handtuch wirft. Weitere folgen vor, während oder nach dem Master. Nicht selten stellen junge Menschen erst fest, dass sie unzureichend vorbereitet wurden, wenn sie im Referendariat stehen. Kein Wunder, dass viele das Referendariat als Hölle erleben. Ein sinnvolles Lehramtsstudium würde fachliches Wissen direkt (also im selben Kurs) mit fachlicher Didaktik verbinden. Die wissenschaftliche Ausbildung von angehenden Lehrer*innen müsste sich noch viel stärker um bildungswissenschaftliche Fragestellungen drehen. Diese dürfen allerdings nicht bloß theoretisch bleiben, sondern müssen an der eigenen Praxis und an empirischer Sozialforschung entwickelt und beantwortet werden. Ähnlich sieht es mit erziehungswissenschaftlicher Arbeit im engeren Sinne aus. Das würde bedeuten, dass vielmehr Geld in diese Forschungsdisziplinen und eine umfassende Betreuung von Lehramtsstudierende investiert werden müsste. Wer sich nun ängstigt, dass Lehrer*innen so den Kontakt zu ihren sonstigen Fachdisziplinen verlieren, sollte sich Folgendes vor Augen führen: Wissenschaftliches Verständnis ließe sich an Hochschulen mit einer guten Lehre viel schneller herstellen. Lehrer*innen werden letztlich keine Wissenschaftler*innen. Auch alle anderen Hochschulabsolvent*innen dürfen gerne ein Mindestmaß an didaktischen Fähigkeiten erlernen. Schließlich sollte in einer Demokratie das eigene Wissen keine Herrschaftsgrundlage darstellen, sondern allen Menschen auf Verlangen zur Verfügung gestellt werden können. Momentan wird darüber debattiert, Lehrer*innen nicht mehr nach Schulformen zu unterrichten, sondern sie auf die Arbeit mit unterschiedlichen Altersgruppen vorzubereiten. So wären Lehrer*innen flexibler einsetzbar und vor allem für inklusive Schulen gewappnet. Auch dieser Vorstoß spräche dafür, Lehrer*innen pädagogisch und didaktisch besser auszubilden. Er wird im Übrigen der Tatsache gerecht, dass auch der Unterricht an Gymnasien nie wie einen Uni-Propädeutikum funktioniert hat. Auch dort (wie auch an Hochschulen) müssen Lehrkräfte weit mehr als fachliches Wissen mitbringen.

Quereinsteiger*innen

Hier liegt auch das Problem in der aktuellen Einstellungspraxis: Der Lehrberuf setzt eine gute bildungswissenschaftliche, erzieherische und psychologische Ausbildung voraus. Das gelingt nicht in wenigen Tagen. Wäre dem so, müssten wir uns fragen, was Lehramtsstudium und Referendariat überhaupt sollen. Zwar stimmt es, dass das Referendariat in erster Linie Ausbeutung ist, das liegt aber an der schlechten Betreuung der Referendare und nicht daran, dass eine solche Pilotphase nicht sinnvoll wäre. Im Gegenteil. Hier müsste noch vielmehr Energie reingesteckt werden, insbesondere für Quereinsteiger*innen. Doch genau das würde mehr Personal voraussetzen, das bereits eingearbeitet ist. Zudem müsste für den Seiteneinstieg auch ein wissenschaftliches Begleitprogramm an Hochschulen bereitgestellt werden. Wenn das schnell Früchte tragen sollte, müsste es an den Hochschulen einen sehr guten Betreuungsschlüssel geben, der individuelles Lernen ermöglicht. Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass die Einarbeitung und Weiterbildung von Berufstätigen, die nicht Lehramt studiert haben, unter Umständen kostenintensiver werden kann als ein reguläres Studium. Schließlich muss hier auf die vormaligen individuellen Arbeitserfahrungen eingegangen werden, wenn Quereinstiege wirklich als Bereicherung dienen sollen. Wenn das Wissen jenseits des Lehramtsstudiums nicht aufgearbeitet wird, bleibt fraglich, wie es in den Unterricht eingeflochten werden sollte. Quereinstiege können also sehr nützlich sein, um einen anderen Zugang zur Schule zu gewinnen, sie sind aber eine denkbar schlechte Methode um Geld und Zeit zu sparen. Vor allem sollten zu dieser Methode nicht in Zeiten starken Mangels gegriffen werden, wenn für Einarbeitungen überhaupt keine Kapazitäten da sind. Viel eher müssten diese Kapazitäten langfristig aufgebaut werden.

Die aktuelle Praxis, neue Leute einfach ins eiskalte Wasser zu schmeißen, ist jedenfalls die falsche Methode. Das ist für die Schüler*innen schlecht, die nun mit Qualitätseinbußen im Unterricht zu kämpfen haben. Das ist aber auch für die neuen Lehrkräfte selber schlecht. Sie müssen viel mehr arbeiten als eine ausgebildete, routinierte Kraft um zu ähnlichen Ergebnissen zu kommen. Auch davon können Referendar*innen ein Lied singen, obwohl sie Lehramt studiert haben und wenigstens ein Praktikum im Lehrbetrieb gemacht haben. Schon jetzt klagen Viele über 70-Stunden-Wochen und den Eindruck verheizt zu werden. Und der ist auch vollkommen richtig. Denn sie haben nicht nur mehr Arbeit: Ihr Wissensdefizit wird voraussichtlich nie wirklich ausgeräumt. Sie kommen nicht an die glanzvollen Vorzeigeschulen, die picken sich weiterhin die Spitzenkandidat*innen mit Lehramtsstudium heraus. Nein, sie werden an Schulen in Randbezirken eingesetzt, wo eigentlich die besten und erfahrensten Kräfte eingesetzt werden müssten. Zum Dank bekommen sie bloß Verträge mit kurzen Laufzeiten.

Was müsste nun getan werden?

Es ist klar geworden, was langfristig getan werden müsste: Mehr Lehrer*innen einstellen, Arbeitszeiten reduzieren, Gleichstellung der Arbeitskräfte, Verbeamtung, weitere Fachkräfte (Sozialpädagog*innen, Psycholog*innen) an die Schulen holen, inklusive Gesamtschulen aufbauen, das Studium reformieren usw. Doch die Situation ist akut und aus unserer Sicht gibt es nur eine Lösung: Die Quereinsteiger*innen müssen zusammen mit Lehramtsstudierenden und Ruheständler*innen an die Schulen gebracht werden. Eine freie Stelle muss dann mit drei bis fünf Personen besetzt werden, die sich gegenseitig unterstützen und anderen Lehrer*innen Luft verschaffen um sie zu betreuen. Sinnvollerweise können Ruheständler*innen Quereinsteiger*innen und Studierende betreuen. Letztere können sich mit ihrem unterschiedlichen Wissen auch gegenseitig ergänzen. Zudem müssen an den Hochschulen unmittelbar Lehrstühle und Stellen geschaffen werden, die auf die Ausbildung und Vorbereitung von Quereinsteiger*innen sowie  Frühstarter*innen unter den Lehramtsstudierenden vorbereitet sind. Sie müssten Praxis und wissenschaftlichen Ausbildung im Einzelfall eng verzahnen können. Neben Fachdidakt*innen, deren Zahl ohnehin sehr begrenzt ist, können wir an dieser Stelle nur auf Sonderpädagog*innen, Sozialarbeiter*innen, Bildungswissenschaftler*innen, Psycholog*innen und ähnliche hoffen. Sie müssten gezielt angeworben werden, wie man es sonst mit verwertbaren „Fachwissenschaftler*innen“ macht. Das würde mehr Geld als unter normalen Bedingungen kosten. Mit den Quereinsteiger*innen und Lehramtsstudierenden, die jetzt in die Praxis gehen, sollten zudem langfristige Ausbildungsverträge mit Übernahmegarantie geschlossen werden. Von vornherein muss klar sein: „Wir bilden euch die nächsten drei Jahre zu TOP-Arbeitskräften aus. Das bedeutet, dass wir euch dann auch behalten wollen!“ Klar kostet das insgesamt vielmehr Geld als der reguläre Ausbildungsweg oder Seiteneinstiege unter guten Bedingungen. Das lässt sich aber nicht mehr ändern. Die Bildungspolitiker*innen müssen die kostspieligen Konsequenzen der aktuellen Situationen ihren Kabinettskolleg*innen, den Parlamentarier*innen und anschließend den Steuerzahler*innen erkläre. Oder sie sparen weiter und verschlimmern den Missstand.

 

Der Mangel an Personal durchzieht das Bildungswesen übrigens wie ein roter Faden. Ob KiTas, Hochschulen oder Schulen – überall kann der eigentliche Bedarf nicht gedeckt werden. So werden die Lernenden schlechter ausgebildet und die Arbeitskräfte verschleißt. Daher werden wir ab dem 15. Oktober eine Kampagne gegen ein Lernen am Limit organisieren. Mit dieser Kampagne thematisieren wir überfüllte Kurse, schlechte Arbeitsbedingungen, Wohnungsnot und eine zu geringe Ausbildungsfinanzierung (BAföG). Vom 23. Bis 25. November findet zudem unser Kongress „Bildung. Leben und Arbeit im Kapitalismus.“ Stay tuned!

 

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