Wie baue ich eine Gruppe auf?

11. Juni 2017|Aktuelles|0 Kommentare

Wie entstehen Gruppen?

Im Alltag begegnen einem*r eine Vielzahl von Gruppen, die zu allen erdenklichen Themen arbeiten. Doch vielleicht kommt ihr an den Punkt, an dem ihr euch fragt, wie ihr selbst eine neue Gruppe gründen könnt. Gehen wir davon aus, es hat sich etwas Besonderes ereignet, das euch empört hat und zu dem ihr aktiv werden wollt, oder nehmen wir an, ihr habt ein bestimmtes Thema gefunden, das euch unter den Nägeln brennt und zu dem ihr arbeiten wollt. Zunächst könnt ihr natürlich schauen, ob zu dem Ereignis oder dem Thema schon eine Gruppe existiert, der ihr euch anschließen wollt. Ist dies nicht der Fall oder erscheint euch die Gruppe unsympathisch, so stellt sich die Frage, wie ihr selber eine Gruppe gründet. Dies ist häufig leichter, als man denkt.
Falls sich etwas ereignet hat, das euch stark empört hat, so könnt ihr davon ausgehen, dass sich auch viele andere Menschen in genau der Situation befinden, in der ihr euch befindet: Sie sind empört und haben den Wunsch, sich zu organisieren.
Als erstes könnt ihr in eurem Freund*innen- und Bekanntenkreis nachfragen, ob Interesse besteht, eine Gruppe zu gründen. Vielleicht habt ihr Glück und es finden sich bereits einige Personen, die sich mit euch auf die Suche nach weiteren Mitwirkenden begeben. Wenn ihr eine geschlossene Gruppe seid, also nicht offen für alle, ist das die beste Lösung.
Wenn ihr eine offene Gruppe seid, könnt ihr zusätzlich in sozialen Netzwerken Gruppen gründen, eure Kontakte einladen und dazu aufrufen, dass weitere mögliche Interessierte dazu eingeladen werden. Auch könnt ihr Aushänge und Flyer an Orten hinterlassen, an denen sich Gleichgesinnte aufhalten.
Wollt ihr an einer Schule oder Hochschule eine neue Gruppe gründen und habt das Glück, dass zeitnah eine Vollversammlung stattfinden soll, so könnt ihr diese dazu nutzen, weitere Menschen für das Thema anzusprechen. Fragt beispielsweise, ob ihr am Ende der Vollversammlung kurz einen Aufruf zur Gründung einer Gruppe machen dürft, oder ruft notfalls einfach rein, falls die veranstaltenden Personen sich nicht kooperativ verhalten. Ruft außerdem dazu auf, euch direkt nach der Vollversammlung am Ausgang oder einem ähnlich nahen Ort zutreffen.
Habt ihr es erst einmal geschafft, ein paar Leute für euer Thema zu begeistern, so ist es sinnvoll, wenn ihr euch möglichst zügig mit allen Interessierten zusammensetzt.

Beim ersten Treffen solltet ihr einige Fragen klären:

  • Welche Einstellung habt ihr zu dem Thema oder dem empörenden
  • Ereignis?
  • Was sind eure Ziele?
  • Falls die Ziele zu weit auseinandergehen, kann es sinnvoll sein, dass ihr die Gruppe aufspaltet oder ggf. Personen mit entgegengesetzten Zielen ausschließt.
  • Wie wollt ihr euch mit dem Thema beschäftigen? – z.B. aktionistisch oder eher theoretisch?
  • Wollt ihr eine offene oder geschlossene Gruppe sein?
  • Wollt ihr ein Selbstverständnis formulieren?
  • Sollt ihr eurer Gruppe einen Namen geben?
  • Wann und wo trefft ihr euch das nächste Mal?
  • Soll es ein regelmäßiges Treffen an einem festen Ort geben?
  • Wie wollt ihr kommunizieren, z.B. über Emailverteiler, soziale Netzwerke, … ?
  • Wie wollt ihr Entscheidungen treffen?

Im Idealfall habt ihr nun eine neue Gruppe gegründet!

Wie finden wir einen Konsens?

Wenn sich eure Gruppe gegründet hat, werdet ihr euch wahrscheinlich immer wieder alle gemeinsam treffen, um euch für eure politische Arbeit auszutauschen. Ein solches Treffen wird auch Plenum genannt. Schon zu Beginn
solltet ihr einen Konsens finden, warum ihr euch überhaupt trefft. Konsens bedeutet Übereinstimmung oder Übereinkunft. Er ist dann erreicht, wenn alle am Konsens beteiligten Personen mit einer Position oder einer Entscheidung übereinstimmen oder sie zumindest akzeptieren können. Die Konsensfindung ist ein Versuch, Positionen oder Entscheidungen als Gruppe zu finden, ohne dass diese durch Macht und Herrschaft zustande kommen. Dieser
Versuch gelingt nicht immer vollständig. Deswegen solltet ihr darauf achten, alle im Plenum schon beim Diskussionsprozess miteinzubeziehen.

Zu einer fairen Diskussion gehören:

  • Andere ausreden lassen.
  • Aktiv zuhören (sich für andere Meinungen interessieren und dies auch
  • deutlich machen).
  • Einen respektvollen Umgang pflegen.
  • Redebeiträge nicht wiederholen, sondern daran anknüpfen. (Macht euch dazu Notizen!)
  • Eine abweichende Meinung (Dissens) hervorheben.
  • Probleme in der Kommunikation direkt ansprechen.

Frühzeitig klären solltet ihr, inwieweit während Redebeiträgen interveniert werden darf. Interventionen können den Diskussionsprozess bereichern und beschleunigen, es kann aber auch hemmend auf die redende Person wirken.
Entscheidet euch, ob während Redebeiträgen und während welchen Methoden

  • Verständnisfragen erlaubt sind?
  • Zwischenrufe erlaubt sind?
  • Plenumszeichen (inklusive Zustimmung und Ablehnung) erwünscht sind?

Außerdem solltet ihr euch überlegen, ob alle wild reinreden können oder ob ihr euch vorher melden wollt. Eine sehr einfache Möglichkeit ist es, wenn die zuletzt sprechende Person immer die nächste aufruft. Alternativ könnt ihr euch für eine Moderation und ein Protokoll (siehe unten) entscheiden.

Wie strukturieren wir unsere Treffen?

Diskussionen, egal ob es sich um eine reine Diskussion handelt oder eine Entscheidungsfindung ansteht, verlaufen oft ruhiger und strukturierter, wenn sie moderiert werden. Eine Moderation bietet sich insbesondere bei unübersichtlichen Situationen (großen Gruppen) oder bei hitzigen Themen an. Am besten einigt ihr euch möglichst früh, ob es eine Moderation geben soll und wer das sein soll. Es wird unterschieden zwischen der internen Moderation (in diesem Fall ist die Moderation Teil der Gruppe) und der externen Moderation (in diesem Fall ist die Moderation nicht Teil der Gruppe und wurde extra für die Moderation der Diskussion eingeladen). Sie besteht meistens aus einer Person, kann aber gerade bei sehr großen Gruppen auch aus zwei oder drei Personen bestehen und sich die Aufgaben aufteilen. Die Moderation kann während des Plenums ausgetauscht werden, wenn dies gewünscht wird.

Neben der Moderation oder als Teil dieser gibt es in der Regel auch eine Protokollierung:

Meistens reicht ein Ergebnisprotokoll, in dem nicht der ganze Diskussionsverlauf festgehalten wird.
Bei wichtigen Punkten solltet ihr nachfragen, ob sie richtig aufgenommen wurden.
Sowohl Beteiligte als auch Nichtbeteiligte müssen verstehen können, was beschlossen wurde.
Die Moderation kann eine Redeliste führen, die zu einem konzentrierten, ruhigen Diskussionsverlauf beiträgt. Bereits vor Ende des aktuellen Redebeitrags können die Beteiligten der Moderation Redebedarf signalisieren. Die Moderation schreibt die sich Meldenden dann auf die Redeliste und nimmt sie nacheinander dran.

Manchmal gibt es statt einer Moderation ausschließlich eine Redeleitung oder die zuletzt sprechende Person nimmt die nächste dran.
Die Redeliste erleichtert es allen, zu Wort zu kommen, da kein Wettlauf darum entsteht, wer als nächstes reden darf.
Ihr könnt euch für eine Quotierung entscheiden und dann z.B. Männer* und Frauen* abwechselnd zu Wort kommen lassen und/oder diejenigen, die sich bisher (zu diesem Thema) noch nicht geäußert haben, vor diejenigen auf die Liste setzen, die sich bereits geäußert haben. Die Redeliste kann geschlossen werden – nur noch die Redebeiträge, die dann bereits angemeldet werden, werden noch berücksichtigt. Besser ist es aber, wenn eine bloße Bitte zum Schluss zu kommen Erfolg hat und alle Bedenken zu Wort kommen.

Weitere technische Aufgaben der Moderation sind neben dem Führen der Redeliste:

  • Für einen pünktlichen Beginn und die Begrüßung sorgen.
  • Vorschlagen einer Tagesordnung oder das gemeinsame Entwerfen einer solchen.
  • Einhaltung des Zeitplans durch Verfahrens- und Konsensvorschläge, Schließen der Redeliste oder die Bitte, alle Redebeiträge (oder den jetzigen) kürzer zu fassen.
  • Einhaltung von gemeinsam festgelegten Methoden und Regeln.

Inhaltliche Aufgabe der Moderation ist es, die Diskussion zu erleichtern; das bedeutet:

  • Zielstrebig und systematisch vorzugehen, die Diskussion zu ordnen und die Beiträge ggf. zusammenzufassen, auch um Wiederholungen zu verhindern.
  • Den Unterschied zwischen Bedürfnissen und Forderungen herauszuarbeiten.
  • Weiterführende Fragen zu stellen.
  • Darauf zu achten, dass beim Thema geblieben wird, und andere Punkte zu verschieben.
  • Auf unterschiedliche Standpunkte hinzuweisen.
  • Verfahrensvorschläge zu entwickeln
  • Konsensvorschläge herauszuarbeiten.

Vermeiden sollte die Moderation folgende Dinge:

  • Selbst desinteressiert, ungeduldig oder aggressiv zu werden oder zu wirken
  • Dass immer die gleichen reden oder die Diskussion auf der Stelle tritt
  • Sich auf eine bestimmte Seite zu schlagen und Einzelpersonen zu loben oder zu kritisieren
  • Selbst inhaltlich etwas beizutragen. Falls doch sollte dies von der Rolle der Moderation klar getrennt sein und kommuniziert werden
  • Viele verschiedene Verfahrensvorschläge zu sammeln, aber keinen abzuarbeiten
  • Ergebnisse des Diskussionsverlaufs zu kommentieren

Vorbereitungscheckliste der Moderation

  • Stimmt alles mit dem Raum und der Technik?
  • Gibt es eine Tischvorlage (Paper mit wesentlichen Infos zu den Themen und Protokollen)
  • Ist der Entwurf der Tagesordnung gut zu sehen (Plakat, Tafel oder Beamer)?
  • Was sind die wichtigen Themen?
  • Wo wird es kritische Punkte geben? Wo müssen kreative Lösungen her?
  • Welche Methoden sind dazu geeignet?
  • Sind alle Materialien für die geplanten Methoden da?

Methodenkiste

Im Folgenden sollen einige Methoden vorgestellt werden, die die Konsensfindung erleichtern. Zunächst muss aber ein Konsens darüber gefunden werden, ob und welche Methode zum Einsatz kommt.

  • Stimmungsbild: Das Stimmungsbild ist eine Umfrage. Es werden nacheinander Einschätzungen und Lösungsvorschläge durchgegangen und diejenigen, die sie teilen, heben die Hand. Dadurch wird Zeit gespart und für Klarheit gesorgt, wie die Positionen im Plenum verteilt sind. Beim Stimmungsbild handelt es sich nicht um eine Abstimmung, sondern es dient der Information.
  • Runde und Blitzlicht: In einer Runde kommt reihum jede Person zu Wort und darf ihre Einschätzungen, Gefühle und Ideen äußern. Das Blitzlicht funktioniert ähnlich, allerdings soll sich dabei jede Person sehr kurzfassen.
  • Brainstorming: Alle rufen unkontrolliert (seltener: nach Aufforderung der Moderation) ihre Vorschläge in die Runde, auch wenn sie nicht immer ernst gemeint oder gut begründet sind. So entsteht ein ungehemmt kreatives Klima, in dem viele Vorschläge zusammenkommen. In der Regel bleiben diese zunächst unkommentiert und erst nach dem Brainstorming werden die Vorschläge rausgesucht, über die diskutiert werden soll.
  • Kartenabfrage und Clustern: Jede Person schreibt ihre Ideen unabhängig von den anderen auf Karteikarten. Dabei gilt eine Idee pro Karre, in der Regel reicht ein einzelnes Stichwort. Anschließend werden die Karren an eine Pinnwand gehängt und thematisch einander zugeordnet. Dabei erklärt immer diejenige Person ihre Idee, deren Karte aufgehängt werden soll. So entstehen viele Ideen, an denen alle mitwirken, und gleichzeitig werden anhand der Cluster Übereinstimmungen deutlich.
  • Punkten: Verschiedene Vorschläge werden tabellarisch aufgelistet. Jede Person erhält eine Anzahl an Punkten, die sie unter den Vorschlägen aufteilen darf, Entscheidet euch vorher, wie viele Punkte es gibt und ob mehrere Punkte für den gleichen Vorschlagverteilt werden dürfen.
  • Üblich sind halb so viele Punkte wie Vorschläge, wobei kein Vorschlag doppelt gepunktet werden darf. Wir empfehlen genauso viele Punkte wie Vorschläge zu verteilen und nicht mehr als drei Punkte pro Vorschlag zu verteilen. Anschließend wird über das Ergebnis diskutiert. Auch beim Punkten handelt es sich nicht um eine Abstimmung, sondern es dient der Information.
  • Arbeitsgruppen: Ihr teilt euch auf in verschiedene Arbeitsgruppen, die in der entsprechenden Phase zum gleichen oder zu verschiedenen Themen arbeiten und anschließend ihre Ergebnisse im Plenum präsentieren.
  • Fishbowl: Vier bis sieben Personen, bei großen Gruppen auch 5-10% aller Beteiligten stehen in der Mitte und suchen einen Konsens. Die anderen stehen außen und hören zu. Gegebenenfalls gehen gelegentlich Personen aus dem Innenkreis heraus und Personen von außen nehmen ihren Platz ein. Der Innenkreis kann auch auf Zuruf ausgetauscht werden.
  • Abstimmen: Wenn kein Veto in Sicht ist, weil mehrere Vorschläge von allen gutgeheißen werden und die Entscheidung nicht sonderlich wichtig ist, kann auch einfach abgestimmt werden.
  • Münze werfen: Manchmal ist es besser, irgendeine Entscheidung zu treffen als gar keine.
Wie organisieren wir neue Leute?

Da es bei aktiven Gruppen regelmäßig vorkommt, dass sich Personen zurückziehen, weil sich ihre Prioritäten verschoben haben, sie eine Pause brauchen oder aus der Stadt wegziehen, ist es ratsam, früh neue Personen einzubinden.

Doch wie schafft ihr es, neue Leute für eure Ideen zu begeistern?

Wenn ihr eine aktionistisch ausgerichtete Gruppe seid, sind attraktive, öffentlichkeitswirksame Aktionen die beste Werbung für euer Vorhaben. Vergesst nach euren Aktionen nicht, euren Gruppennamen und eine Kontaktmöglichkeit z.B. auf Flyern zu verbreiten. Nur so finden euch Interessierte.

Weitere Möglichkeiten, um gezielt auf eure Gruppe aufmerksam zu machen sind:

  • Viele witzige Flyer mit dem Aufruf, sich eurer Gruppe anzuschließen, in der ganzen Stadt verteilen.
  • In Szenetreffs und Jugendzentren werben.
  • Über soziale Netzwerke/Homepages/Blogs werben.
  • Eintrag in Uni, Schul- oder alternative Programmkalender der Stadt.
  • Über Inputs oder Jingles bei freien Radios.
  • Auf bzw. durch Soli-Partys.
  • Offene Treffen veranstalten.
  • Durch Kneipentouren.

Sind auf einem eurer Treffen interessierte Personen erschienen, kann es die größere Schwierigkeit sein, dass diese auch bleiben. Macht euch in eurer Gruppe Gedanken, wie ihr neue Personen motivieren und direkt einbinden könnt.

Einige Ideen sind:

  • Neue Leute sofort in Projekte einzubinden und machbare Aufgaben zuzuteilen.
  • Ein Mitglied der Gruppe als Kontaktperson zuzuteilen.
  • Aktives Skillsharing zu betreiben und euer Wissen und eure Fähigkeiten weiterzugeben.
  • Möglichst wenige Insider-Gespräche führen.
  • Unbekannte Abkürzungen zu erklären.
  • Nach dem Treffen noch einen trinken zu gehen. Das funktioniert sehr gut und macht Spaß!
  • Gemeinsam diskutieren und sich austauschen.
  • Die Personen zu Partys einladen.
Wie organisieren wir Räume?

Egal ob ihr ein regelmäßiges Gruppentreffen im kleinen Kreis oder ein Vernetzungstreffen mit 100 Menschen veranstaltet: Ihr braucht Räume, um euch zu reffen. Die Raumsituation ist von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich,
In der einen Stadt ist es selbstverständlich, sich im Autonomen Zentrum zu treffen, das allen offensteht, und woanders müssen sich Gruppen in Cafés treffen.
Wollt ihr für euer Gruppentreffen, das regelmäßig mit einigen Leuten stattfinden soll, einen zuverlässigen Raum finden, schaut euch die Umgebung, in der ihr agiert, genau an. Wo reffen sich andere Gruppen? Gibt es Gewerkschaftshäuser, Autonome Zentren, kulturelle Zentren, AStA-Häuser, Räume in Schulen oder an der Hochschule, Jugendzentren oder Stadtteilläden in der Umgebung? Fragt über Kontakte unverbindlich an und lasst dann Routine einkehren. Das schafft eine konstruktive Arbeitsatmosphäre.
Plant ihr eine öffentliche Veranstaltung wie einen Vortrag, ein Konzert oder einen Kongress könnt ihr den Rahmen, in dem ihr euch nach Räumen umschaut, größer fassen. Hier kommen zum Beispiel zusätzlich auch BuchIäden, Theater, größere Hallen, Turnhallen und Büchereien infrage. Klärt die Voraussetzungen eurer Veranstaltung im Vorhinein: Was wird euch das kosten und wie viele Menschen erwartet ihr?
Passt auf, dass ihr euch hierbei nicht in finanzielle Gefahren begebt.
All diese Raumvorschläge sind natürlich sehr allgemein gehalten. Was ihnen aber gemein ist, ist dass man am besten über persönlich Kontakte an Räume kommt. Dann ist gleich schon eine Vertrauensbasis z.B. für Schlüsselüberlassung vorhanden oder es kann ein Freundschaftspreis für die vielleicht anfallende Miete vereinbart werden.

Fragen, die ihr direkt bei eurer Anfrage nach Räumen klären solltet:

  • Wie groß sind die Räume? Wie viele Menschen, Stühle und Tische passen hinein?
  • Ist der Ort abgelegen oder zentral? Ist er leicht zu finden?
  • Wie gut ist der Ort mit dem öffentlichen Nahverkehr zu erreichen?
  • Gibt es Parkplätze vor Ort?
  • Habt ihr einen Schlüssel oder seid ihr auf die Öffnungszeiten angewiesen?
  • Müsst ihr Miete zahlen?
  • Gibt es einen Mietvertrag und wie sind seine Bedingungen?
  • Müsst ihr eine Kaution zahlen?
  • Wie ist die Arbeitsatmosphäre? Ist es ruhig in den Räumen?
  • Gibt es Stühle und Tische vor Ort?
  • Gibt es Computer und Internet mit freiem Zugriff?
  • Was gibt es sonst an Technik, z.B. Beamer, Mikrophone, Lichtanlage, Musikanlage etc.?
  • Welche Gruppen nutzen sonst den Ort?
  • Ist der Ort rollstuhlgerecht?
  • Wie sind Sicherheit und Außenwirkung des Gebäudes?
  • Werdet ihr allein im Gebäude/Raum sein oder müsst ihr damit rechnen, dass zwischendurch andere Personen reinkommen?
Wie organisieren wir Geld?

Wie können politische Gruppen an Geld kommen? Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten, wobei es oft auf das Projekt ankommt, das ihr machen wollt. Insgesamt solltet ihr aber immer darauf achten, eure Projekte so günstig wie möglich zu halten, und eine finanzielle Absicherung schadet auch nicht.
Finanzierung wird mit einem längeren Bestehen von politischen Gruppen einfacher, da sich mit der Zeit ein bisschen Geld ansammelt.

Hier einige Möglichkeiten, wie ihr an Geld kommt:

  • Mitgliedsbeiträge: die Mitglieder können regelmäßig Geld einzahlen, zum Beispiel einen festen Beitrag nach Einkommen oder nach Selbsteinschätzung. Aber wenn schon alle viel Zeit in die politische Arbeit stecken, kann es auf Menschen mit wenig Geld abschreckend wirken, wenn sie auch noch Geld zahlen sollen.
  • Eine Möglichkeit, die allen Gruppen offensteht, sind Solipartys (Solidaritäts-Partys). Diese politische Veranstaltung bereitet viel Spaß, kann aber in der Vorbereitung recht zeitintensiv sein.
  • Ihr könnt befreundete Gruppen fragen, ob sie eure Projekte mit Geld unterstützen.
  • Oft gibt es zuständige Verbände an die ihr euch wenden könnt. Für Schüler*innen sind das Schüler*innenvertretungen. Die gibt es nicht nur an eurer Schule, sondern in der Regel auch für euren Kreis bzw. eure Stadt und für euer Bundesland. Für Jugendgruppen gibt es Stadtjugendringe (manchmal auch anders genannt). Für studentische Initiativen oder auch Projekte, die einen Uni-Bezug haben, gibt es die Möglichkeit, bei Studierendenvertretungen Geld zu beantragen. Dabei muss ein Bezug zur Uni bestehen und die beantragende Person muss manchmal ein*e Student*in sein. Für diese Fälle sind meist Finanzierungsanträge nötig (siehe unten).

Eine weitere Möglichkeit sind Stiftungen. Gerade die Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt viele politische Veranstaltungen, will aber, dass ihr Logo abgedruckt wird. Stiftungen unterstützen meistens nur inhaltliche Veranstaltungen wie Vorträge und Workshops und verlangen meistens eine Teilnehmer*innen-Liste. Auch hierfür braucht ihr einen Finanzierungsantrag, den ihr frühzeitig stellen müsst.
Weitere Möglichkeiten bedürfen vor allem eurer Kreativität. Ihr könnt z.B. Soli-Bier auf Plätzen verkaufen, an welchen abends viele Feiernde sind, Kuchen- und Kaffee-Stände machen und so weiter
Außerdem könnt ihr auf euren Veranstaltungen Spendenboxen aufstellen und zu Spenden aufrufen. Seid beim Vorstrecken von privatem Geld für politische Projekte vorsichtig. Das kann viel Stress und Hierarchien erzeugen, insbesondere falls die Rückzahlung nicht klappt.

Gruppenhierarchien

Hierarchien sind Strukturen, nach denen sich die einzelnen Elemente untereinander organisieren und die Machtverhältnisse, in denen sie zueinanderstehen. Hierarchien gibt es in allen sozialen und politischen Kontexten. Man findet sie nicht nur in Verbänden und Parteien, sondern es gibt sie ebenfalls in politischen Basisgruppen, auf Plena, während Aktionen, in Diskussionsrunden oder auf Mailverteilern, Sie nehmen viele verschiedene Formen an und wirken auf unterschiedlicher Ebene.

Formelle und informelle Hierarchie

Auch in antihierarchischen Gruppen kann es sinnvoll sein, feste Verantwortungsbereiche und Aufgaben an bestimmte Personen zu vergeben. Der Vorteil besteht darin, dass allen klar ist, wer wofür verantwortlich ist. Der Nachteil ist, dass nicht alle in den Entscheidungsprozess eingebunden sind und die Leute, die für diese Aufgaben verantwortlich sind, so mehr Macht haben. Das könnte man als formelle Hierarchie bezeichnen und wird besonders dann zu einem Problem, wenn diese Personen intransparent arbeiten, selten ausgetauscht werden oder nicht die Ansichten der Gruppe teilen.

Informelle Hierarchien sind Hierarchien, die formal nicht vereinbart werden, also intransparent und verdeckt sind. Zum Beispiel indem Personen Aufgaben übernehmen, ohne dass dies jedoch formal beschlossen wurde.

Auch in selbstorganisierten Zusammenhängen bringen Menschen unterschiedliche Erfahrungs- und Wissenshorizonte mit in die Gruppe (Wissenshierarchie) und übernehmen entsprechende Aufgaben. Mit der Zeit bilden sich Expert*innen heraus, die zu bestimmten Themen eher konsultiert werden als andere, was häufig dazu führt, dass Aufgaben immer von denselben Menschen übernommen werden, auch weil die anderen glauben, es nicht so gut zu können.

Mit informellen Hierarchien verbunden sind Unterschiede in der Durchsetzungsfähigkeit, z.B. wenn sich innerhalb einer Gruppe Konstellationen bilden, die intern einen engeren Informationsaustausch pflegen als mit der restlichen Gruppe und so Entscheidungen beeinflussen. Dauerhafte informelle Hierarchien entstehen, wenn solche Gruppen besonderen Zugang zu den Ressourcen von Gruppen haben, etwa Geldern, Geräten, Räumen, Internetseiten, Mailinglisten, und diesen den anderen vorenthalten.

In selbstorganisierten Gruppen, die eine horizontale Hierarchie anstreben und deren Teilnehmer*innen gleichberechtigt miteinander umgehen wollen, führen vor allem informelle Hierarchien und Dominanzverhältnisse dazu, das Ungleichheit entsteht. Formale Hierarchien sind in der Regel allen deutlich und ihre Methoden können zur Diskussion gestellt und geändert werden. Eine Moderation kann von Plenum zu Plenum wechseln und zu jedem Deli-Plenum kann die Gruppe eine andere Person beordern, sodass sich keine festen Zuständigkeiten und Privilegien herausbilden. Wenn Leute ihre speziellen Fähigkeiten weitergeben (Skill Sharing) und sich gegenseitig helfen, können alle von den Fähigkeiten der anderen profitieren und \Wissenshierarchien gemeinsam abbauen.

Formelle und informelle Hierarchien können verringert werden, indem alle Zuständigkeiten und Ressourcen einer Gruppe transparent sind.

Dominanzverhalten

Dominanzverhalten kann bewusst und unbewusst auftreten. Ein dominantes bzw. zurückhaltendes Verhalten wird uns von Geburt an beigebracht. Es gilt als normal, weil man sich daran gewöhnt hat. Dazu gehören sozialisierte Rollen mit ihren Zuschreibungen und Erwartungen. Das wirkt sich darauf aus, wie Menschen miteinander umgehen, sprechen und sich gegenseitig bewerten.

Durch die Sprache und die Art und Weise, wie geredet wird, reproduzieren sich viele Herrschafts- und Dominanzverhältnisse, auch in linken Zusammenhängen. Ein dominantes Redeverhalten zeigt sich z.B. dann,

  • wenn Menschen für andere Menschen reden und denken, etwa indem sie von wir reden, wenn eigentlich ein ich angebracht wäre, oder indem sie die Sätze anderer beenden.
    Sich auf Fachwissen beziehen, als wäre es selbstverständlich, oder ihr eigenes zur Schau stellen, um damit den eigenen Aussagen einen höheren Stellenwert zu verleihen.
  • Objektivität beanspruchen, obwohl sie nur von ihren subjektiven Meinungen sprechen, oder Fragen beantworten, obwohl sie es gar nicht so genau wissen und selber nur mutmaßen.
  • Alles kommentieren, weit ausholen und grundlos Dinge wiederholen, obwohl sie bereits genannt wurden.
  • Durch solche oder ähnliche selbstdarstellerische Methoden versuchen Menschen, ihre eigenen Meinungen mehr Relevanz zu geben und eine höhere Akzeptanz innerhalb der Gruppe zu verschaffen, also eine machvollere Position in der Gruppe einzunehmen. Dadurch kann man die eigenen Interessen stärker zur Geltung bringen.

Man kann sich auch durchsetzen, indem man andere daran hindert, am Gespräch teilzunehmen, z.B. indem man:

  • Andere nicht ausreden lässt, z. B. indem man ihre Sätze beendet.
  • Beiträge nicht ernst nimmt oder sich hinterher abfällig über sie äußert,
  • Unaufmerksam ist, Seitengespräche führt oder absichtlich durch Lachen oder Zwischenrufe stört.
  • Unangemessen laut redet, eine dominante Körpersprache zeigt (aufstehen, breitbeinig, große Gesten, generell große körperliche Präsenz).
  • Geräuschvoll den Raum verlässt, Türen unvorsichtig zuwirft.
  • Grundsätzlich gibt es aber nicht das eine richtige Verhalten im Plenum und immer gültige Diskussionsregeln. Vielmehr kommt es darauf an, das eigene Dominanzverhalten zu reflektieren und sich selbst zurückzunehmen, dabei sollten aber auch impulsive Menschen die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen.

Folgende Fragen helfen dabei, dominantes und exklusives Redeverhalten bewusst zu machen:

  • Wie oft spreche ich und wie laut? Haben andere erst wenig oder noch gar nicht gesprochen? Was hat das mit meinem Redeverhalten zu tun?
  • Verwende ich eine allgemeinverständliche Sprache? Generalisiere ich meine Meinung? Beziehe ich mich auf Insiderwissen?
  • Bin ich ironisch oder sarkastisch? Mache ich Insiderwitze oder lache ich über sie?
  • Habe ich andere persönlich angegriffen oder kommentiert und nicht deren Aussagen?
  • Wie nehme ich die Atmosphäre war? Ist es nötig, sie zu thematisieren?
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