Aktuelles Selbstverständnis

3. August 2018|Material, Protokolle, Strategie|

1. Was läuft falsch im Bildungssystem? – Unsere Kritik:
Die Misstände des Bildungssystems lassen sich an drei entscheidenenden Faktoren aufzeigen: soziale Ausgrenzung, zunehmende Ökonomisierung und fehlende Demokratie.
Soziale Ausgrenzung:
Bildung ist ein gesellschaftliches Gut, das nicht allen gleichermaßen zugänglich ist. Unter anderem das mehrgliedrige Schulsystem produziert Unterschiede, die bestimmte Lebenswege im Vorhinein versperren. Menschen aus Arbeiter*innenfamilien, „behinderte“ oder „kranke“ Menschen oder Menschen mit migrantischem Hintergrund haben faktisch einen beträchtlich schwereren Hochschulzugang. Es handelt sich um eine Kette von sozialen und ökonomischen, oft genug aber auch völlig willkürlichen Ausschlüssen, die die Aussichten der Ausgeschlossenen auf ein gutes Leben verschlechtert. 
[Insgesamt sortiert das Bildungssystem Menschen in verschiedene Leistungskategorien.  Die Unterteilung dieser Kategorien wird dabei als natürliche Begabung hingestellt und bleibt daher unhinterfragt. Wir sind der Meinung, dass schon das heutige Verständnis von „Leistung“ grundfalsch ist. So ist es schlicht keine große Leistung möglichst angepasst zu arbeiten oder zu folgen. Hinzu kommt, dass die Unterteilung in Leistungsfähig oder -unfähig, wie sie beispielsweise durch Ziffernoten oder verschiedene Bildungsabschlüsse angezeigt wird, auf sozialen Unterschieden fusst. Sie wird also von der Art wie diese gesellschaft funktioniert hergestellt. Diejenigen die schon über Geld und Bildung verfügen, absolvieren auch die staatlichen Tests besser.]
Fortschreitende Ökonomisierung:
Es wird gelernt, um (auf dem Arbeitsmarkt) verwertbar zu sein. Das Innere der Bildungseinrichtungen ist entsprechend von Strafen und Disziplinierung beherrscht. So wird Disziplin heute nicht mehr durch direkte, physische Gewalt von außen (z.B. Rohrstock), sondern auf subtilere, psychologische, oft selbstausbeuterische Mechanismen (z.B. Notendruck)hergestellt. [kurz mehr ausführen mit Strafen, erledigt, Katha] Konkurrenz und Prüfungsstress bestimmen somit das Lernklima.  Nachhaltiges Lernen, das Wissen und Fähigkeiten langfristig verfügbar macht und  das Verständnis von Zusammenhängen fördert, hat wenig bis keinen Platz. Für kritisches Denken und demokratische Mündigkeit bleibt (praktischer Weise) schlichtweg keine Zeit. [Satz aufteilen, erledigt, Katha] Bildungseinrichtungen, insbesondere Hochschulen, stehen in einem direkten Wettbewerb untereinander. Da ihre Kosten vom Land nur zu einem Bruchteil gedeckt werden, müssen sie um ihre Finanzierung wetteifern, was sie anfällig für den Einfluss von Unternehmen macht. [Wettbewerb zwischen Bildungseinrichtungen parallel, erledigt, Katha] Eine Folge davon ist, dass  Akteur*innen aus der freien Wirtschaft u.a. durch Lehrmaterialen, Stiftungsprofessuren und explizite Werbung Bildung nach ihren Wünschen beeinflussen. 
Fehlende Demokratie:
Das Bildungs und Wissenschaftssystem ist insgesamt undemokratisch organisiert, da nicht die Interessen der Betroffenen (Lernende, Wissenschaftler*innen, Pädagog*innen, Arbeiter*innen in Verwaltung und Technik) über ihre Arbeitswelt entscheiden, sondern fremdgesetzte Anfoderungen. Finanzen werden von staatlichen Bürokratien oder nach Wettbewerbsmechanismen im Sinne wirtschaftlicher Verwertbarkeit vergeben.
Insbesondere Schüler_innen, Auszubildende und Studierende werden in den meisten Fällen nicht gefragt, was, wann oder wie sie lernen wollen. Bedingt ist das schon durch das
ungleiche Verhältnis[einfacher, erledigt, Katha], das in die Unterscheidung Lernender von Lehrenden gelegt wird. Reihenweise wurden die Hochschulverfassungen auf Präsident*innen und Rektor*innen als maßgebliche Entscheidungsträger*innen zugeschnitten. In den Entscheidungsgremien sind Lernende meist nicht angemessen vertreten. Ihre Bedürfnisse werden oftmals durch Machtinteressen anderer Statusgruppen (z.B. Lehrer*innen und Eltern in der Schulkonferenz oder Professor*innen im Senat) systematisch übergangen. Vorhandene Mitbestimmungsgremien wie z.B. die Schüler*innenvertretungen sind dies nur formal, da sie oft keine wirkliche Entscheidungsmacht haben. Davon sind in zunehmenden Maße allerdings auch die Senate der Hochschulen begtroffen, die selber nur noch als demokratische Feigenblätter für die Handlungen der Leitungsgremien herhalten müssen. Die von Lehrer*innen dominierte Schulkonfernez hatte außer der (mehr oder weniger direkten) Mitsprache in Personalfragen ohnehin nie wirklich bedeutsame Kompetenzen. Insofern sind letztlich alle Beschäftigtengruppen im Bildungswesen entmachtet 

All das ist nicht verwunderlich in einem Gesellschaftssystem, dessen Ziel Profit und dessen Methode Konkurrenz ist. Bildung ist immer nur in und durch Gesellschaft zu verorten. Lernfabriken… meutern! möchte an dieser Stelle ansetzen, um die Lebenswirklichkeiten vieler Menschen zu verbessern, immer in dem Bewusstsein, dass mit der Verbesserung von Bildungsbedingungen noch nicht alles getan ist, Bildung aber als Stellschraube fundamental für eine andere Gesellschaft ist.
2. Wie sollte Bildung eigentlich sein? – Unsere Vision:
Für  uns bedeutet Bildung, dass Menschen dazu befähigt werden, an der  Gesellschaft teilzuhaben, sich und ihre Umwelt kritisch zu reflektieren,  gesellschaftliche Verhältnisse zu hinterfragen und solidarisch mit Anderen zu interagieren. Die Fähigkeit zwischen den eigenen Bedürfnissen und gemeinschaftlichen Ansprüchen abzuwägen ist dabei wichtig. Dies  lässt sich nur erreichen, wenn die Strukturen in den  Bildungsinstitutionen so gestaltet sind, dass sie selbstbestimmtes  Lernen ermöglichen und kritische Auseinandersetzungen mit sich selbst,  anderen und der Welt aktiv herbei führen. Daher fordern wir Bildungseinrichtungen, die basis-demokratisch organisiert sind und Lernenden die  Möglichkeit geben, die Bedingungen ihres Bildungsprozesses (also  Inhalt, Methode, Ort und Zeit) selbst zu bestimmen. Die Lernenden  entscheiden dabei eigenständig, welche Zwecke bzw. Ziele von Bildung in  welchem Maße aufgegriffen werden. Statt externer Disziplinierungsmechanismen wird so die eigene Motivation zum Motor des Lernens. Selbsteinschätzung und konstruktive, individuelle Rückmeldungen lösen Notenzwang und Konkurrenzdenken ab. Nur eine solche Bildungseinrichtung,  zu der alle Zugang haben, kann eine Gesellschaft geprägt von sozialer Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Frieden vorbereiten.
 
 3. Wie setzen wir diese Vision konkret um? Arbeitsweise und Ziele des Bündnisses
Das Bündnis Lernfabriken …meutern! (LFM) zielt auf eine umfassende Politisierung von Bildung, Wissenschaft, Erziehung und Sorgearbeit ab. Es geht also darum, die Erfahrungswelt in Schule, Uni, Ausbildung und Jobcenter auf gesellschaftliche Verhältnisse zu beziehen und sie als veränderlich zu begreifen. Unser Ziel ist es, diese grundlegende Sozial-, Bildungs- und Wissenschaftskritik in die Öffentlichkeit zu tragen und neue politische Impulse zu liefern, indem wir eine Kritik leisten, an dem was bisher als „normal“ galt. Letzteres ist besonders in der Bildungspolitik zu kurz gekommen.
Vor allem besteht das Bündnis aus einer Notwendigkeit heraus: Das Bildungswesen ist Dreh- und Angelpunkt zeitgenössischer Sozialisierung. Hier treffen sich Erziehungsarbeit und Lohnarbeit auf mehreren Ebenen; und hier wird entschieden, ob Herrschaft erneuert, wiederholt oder durchbrochen wird. Autoritäre Einstellungen haben ihren Ursprung nicht zuletzt darin, wie Familie, Bildung und Arbeit funktionieren. Wer fortschrittliche und solidarische Einstellungen und Praxen verbreiten möchte, kann Bildungspolitik nicht ausklammern.
LFM ist also keineswegs eine bloße aktionistische Welle, die sich wieder zurückziehen wird. Wir wollen eine dauerhafte Vernetzung etablieren, die sich über die Jahre hinweg immer stärker organisiert.
Um einen solchen Wandel zu erreichen schließen sich Lernende mit allen Beschäftigten im (Aus-)Bildungssystem zu einem gemeinsamen Bündnis zusammen. Wir haben einserseits das Ziel, schon politisch aktive Menschen aus den unterschiedlichsten Kontexten zusammenzubringen und deren Kräfte (parteiübergreifend) zu bündeln. Andererseits möchten wir auch Menschen ansprechen, die bislang keine politische Aktionsfläche gefunden haben, um aus den einzelnen alltäglichen „Betroffenheitsperspektiven“ heraus gemeinsam strukturelle Missstände des Bildungssystems zu identifizieren.
Für diesen Austausch stellt LFM eine organisatorische Plattform dar, die folgende konkrete Ziele hat:

 

1.      wollen wir die verschiedenen Gruppen, Verbände und Strukturen, die im Bildungsbereich wirken, zusammenbringen.
2.      Wollen wir über unsere Basisarbeit eine dauerhafte Anlaufstelle bieten, in der Menschen erste Politikerfahrungen sammeln können. Obwohl Bildung alle Menschen betrifft, ist dieser Bereich noch nicht hinreichend politisiert. Das funktioniert nur, wenn wir aus unserer Alltagserfahrung heraus gemeinsam operieren. 
3.      Werden wir gemeinsam realpolitisch eingreifen. Dies heißt, dass wir z.B. mittelfristige Ziele aufstellen, die wir mithilfe von Streiks, Petitionen u.a. an die Öffentlichkeit tragen, um politischen Druck zu erzeugen. Einerseits ist das nötig, um Missstände auch im Bestehenden zu bekämpfen. Andererseits werden wir auf diese Weise eine strategische Ausgangslage erarbeiten, die uns für grundlegendere Veränderungen befähigt.
4.      Wollen wir mittelfristig eine Massenbewegung aufbauen, die zu einer breiten Politisierung an der Basis führt. (Das wären die Massenproteste an die alle denken, wenn sie „Meutern“ hören.) Diese Politisierung würde mitnichten verpuffen. Auch wenn sie keine direkten politischen Veränderungen nachsichziehen sollte, wird sie neue Aktitvist*innen zu Tage fördern.
5.      Werden wir langfristig eine basisdemokratische Assoziation aufbauen, die alle Beteiligte des Bildungswesens umfasst.
Stand: 12. Juli 2018
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